Wilder Westen, wilder Osten

                          Dhafer Youssefs Electric Sufi


                                   ©    Henning Bolte   ©

 

West und Ost bedienen beide gegenseitig ihre Klischees, Phantasien. Dhafer Youssef, Sänger, Ûd -Spieler, Komponist, schlägt sich da auf sehr eigene Weise permutierend und juxtaponierend hindurch. Das Bild des einen wird aufgerauht mit den Mitteln des anderen. Durch die Karawanserai heulen elektrische Gitarren und in dem Patrizierhaus geben orientalische Metren und betörende Lautenklänge den Ton an. Nichts ist hier stilecht, alles authentisch, durchzogen von einem unterschwelligen Groove. Der sorgt dafür, dass nichts in unverbindlicher Exotik hängenbleibt.

 

      Ganze Stimme, offene Ohren

 

Dhafer Youssef, der Mann, dessen Stimme sich zu unerhörten Höhen aufschwingt, dort raumfüllend schier endlos schweben kann. Aus Tunesien kommend ist er an vielen verschiedenen Orten zu treffen. In Wien, Berlin, in Oslo, Amsterdam, New York, in Hiroshima, in ... . Ein Suchender, der sich mit offenem Ohr und ganzer Stimme in immer wieder neue Umgebungen begibt, der von den Begegnungen mit den verschiedensten Musikern und von den Kontrasten lebt. Sie beflügeln ihn, bringen das Eigene in ihm am stärksten heraus. Archie Shepp, Jean Paul Bourelly, Niels Petter Molvaer, Paolo Fresu, Bill Laswell, Marilyn Mazur und Eivind Aarset, in wenigen Monaten so eine Reihe von Begegnungen zustandebringen, dazu gehört etwas. Eigenschaften dieses Musikers: den anderen zuhören, sich entschlossen einbringen, seinen musikalischen Intuitionen gehorchend immer weiter vorstossen. Das brachte auch unausgeglichene Konzerte mit sich. Während sich Kritiker noch den Kopf darüber zerbrachen, ob es nun der grosse Wurf war oder wo es doch hinführe, war Youssef selbst längst schon wieder drei Stationen weiter.

 

 Fliessende Bewegung, grosse Wendigkeit

 

Bei Electric Sufi hat er seinen Dreh gefunden, sein Ding gemacht. Was bei seinem Debutalbum Malak. bisweilen noch ein bisschen disparat war, allein stand, stecken blieb, vereinigt sich in diesem Album zu einer grossen fliessenden Bewegung, aus der heraus eine grosse Wendigkeit entsteht. Ein Strom mit vielen kleinen Wirbeln, Unterspülungen und Stromschnellen, der eine Menge Geschichten zu erzählen weiss Die Musik besticht durch Klarheit der melodischen Motive. Die sind eingelassen sind in ein murmelndes, raunendes, ab und zu zischendes Ambiente, aus dem sich die Dramatik des Gesangs von Youssef erhebt.
Darin weiss er Durchgängigkeit und Abwechselung kraftvoll im Gleich- gewicht zu halten. Dies wird durch konsequente Dopplung der Instrumente erreicht, in diesem Fall ein sehr effektives Konzept: akkustischer und elektrischer Bass, zwei Perkussionisten, zwei Bläser, hier der klare Klang der Trompete, dort die sich in kleinsten Intervallen beugende indische Bambusflöte, und das Zusammenspiel von arabischer Laute und elektrischer oder akkustischer Gitarre. Dies erlaubt den Wechsel von Unisono-Linien mit Echos und Kontrasten in Klangfarbe, Harmonik und
 Dynamik. Über einem leise rumpelnden Groove lösen sich die Stimmen voneinander und finden wieder zu- sammen. Nirgends wird es glatt und seicht, Dopplung im Sinne von stilistischer Imitation gibt es wenig.

 

         Offenheit und Kompaktheit

 

Die Musik zeichnet sich durch besondere Offenheit und Kompaktheit, Grundierung und Schwebe aus. Viel 
Raum und starker Fluss wohnt ihr inne. Die elektronischen KLangambiencen des Albums sind Würfe der 
besonderen Art, nirgends aufgemotzt oder atmosphärische Weichspüler. Wichtiger als die instrumentalen
Dopplungen sind die beteiligten Musiker, eine wahrlich illustere Gesellschaft ist hier am Werke: Youssefs
langzeitiger Partner, Allroundtrompeter Markus Stockhausen, Deepak Ram auf Bansuri, das Rhthmustandem
der schwarzen Hardrockgruppe Living Colour, Bassist Doug Wimbish und Schlagzeger Will Calhoun, der
französische Jazz-Perkussionist Mino Cinelu, der deutsche Jazzbassist Dieter Ilg, Rodericke Packe verant-
wortlich für Klangambience und nicht zuletzt Gitarrist Wolfgang Muthspiel, österreichischer Wahl-New-Yorker,
der auch fúr zwei Kompositionen mitzeichnet. Muthspiel war hier für Youssef der richtige Musiker zum richtigen
Moment. Muthspiel hat die Gabe, sich in Stile einzufügen, ohne zu imitieren oder zu dominieren. Er ist ein 
Meister der Andeutung von Stilen und spielt dabhei stets seine ganz eigenen Linien. Hier taucht er tief in
die musikalische Welt von Youssef ein, verschafft deren Klängen Raum und bringt auf unaufdringliche Weise
Kontraste und Gegengewichte an. So gibt er dem Stück Yabay eine andalusische Färbung, während das
dem marokkanisch-französischen Schriftsteller Tahar Ben Jelloun gewidmete La Prière De L'Absent gerade
mitteleuropäisch klingt. Mit seiner Art zu spielen schafft Muthspiel Verbindungen zwischen den unterschied-
lichsten Mitspielern wie akustischen und elektronischen Instrumenten. Die Kombination dieser unterschied-
lichen Instrumente und Musiker erschliesst neues Territorium der Fusion im besten Sinne des Wortes: als
Verbindung nicht so sehr von Stilen, sondern vielmehr unterschiedlicher musikalischer Energien. 


 

    Bilder, Stimmungen, Geschichten

 

Die Stücke rufen eine Vielfalt von Bildern und Situation hervor und die Musik spielt mit ambivalenten
 Stimmungen. Youssef bringt darin seinen eigenen kunstvollen Spannungs-
 aufbau an und macht Geschichten daraus. Die Dramatik ist eindringlich wie in
 der Oper und spielerisch und fantastisch wie in orientalischer Erzählkunst.
 Youssefs Stimme ist ein wichtiges Mittel für diesen dramatischen Aufbau.
Er 
 setzt diese Stimme als Instrument ein, singt keine Melodien, keine Texte im  konventionellen Sinne, scattet nicht. Hoch, tragend und eindringlich ist diese
 Stimme, vor allem aber eine Stimme, die Grenzen hinter sich lässt, auf neues
 Gebiet vorstösst, stilistisch, aber vor allem immer erst emotional. Nicht die
 spektakuläre Höhe der Stimme, sondern die Ladung dahinter, die Ladung, die
 sie trägt, die zum Ausdruck kommt, ist das, was diesen Musiker zu dem macht,
 was er tut. Zu diesem Ausdruck braucht er immer das andere und die anderen.
 Beim nächsten Album wird es mit Sicherheit wieder anders sein.


 Dhafer Youssef Ensemble – Mousafer. EXTRAPLATTE 1996

        Anton Burger (vln), Achim Tang (b), Jatinder Thakur (tabla), Otto Lechner (acc)

 Dhafer Youssef – Malak. ENJA 1999

       Markus Stockhausen (tr), Nguyen Lé (g), Renaud Garcia-Fons (b), Deepak Ram (bansuri), Zoltan  
       Lantos (vln), Achim Tang (b), Jatinder Thakur (tabla), Patrice Héral (dr), Carlo Rizzo (perc)

 Dhafer Youssef – Electric Sufi. ENJA 2001

      Wolfgang Muthspiel (g), Markus Stockhausen (tr), Deepak Ram (bansuri), Dieter Ilg (b), Doug Wimbish
      (b), Minu Cinelu (dr, perc), Will Calhoun (dr), Rodericke Packe (amb sounds)

 

                                          
 

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