HENRICI  ALBICASTRO: KOMPONIST  UND  GEIGENVIRTUOSE


  (*1660/61 (?)    1730)


Zur Herkunft und Biografie des Barockmusikers Johann Heinrich Weissenburg

 

Otmar Tönz,  Rudolf Rasch, Joost Hengst,  Marcel Wissenburg

 

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Kapitel 6

Zur  Biografie  -  Nachkommen  -  Graphologische Beurteilung

 

Zur Biografie

Über Kindheit und Jugend ist absolut nichts bekannt. Offensichtlich wurde J.H.W. schon früh in die Kunst des Violinspiels und wahrscheinlich auch des Reitens eingeführt.

Über die weitere musikalische Ausbildung wissen wir nichts Gesichertes.  R. Rasch 01 vermutete, dass der Ulmer Musikmagister und Münsterorganist Sebastian Anton Scherer (1631-1712) 02 Albicastro’s Theorie- und Kompositionslehrer – allenfalls gar ein Verwandter - hätte sein können. Beide gelten auf Grund ihres vergleichbaren Kompositionsstils als „italienische Barockmusiker“.  In einem nicht verwirklichten Projekt von Barby in Brügge sollten, nebst Werken wirklicher Italiener (Corelli, Vitali, Gabrielli etc), Sonaten dieser beiden Komponisten in einer Reihe „italienischer Komponisten“ herausgegeben werden 01, 03, 04. Die Reihe hätte mit Sonaten von <Gio Hennerigo Weissemburg> und <Sebastiano Scherer> eröffnet werden sollen. Auch der Altersunterschied von 30 Jahren zwischen Lehrer und Schüler würde zu einer solchen Annahme passen. Objektive Hinweise dazu fehlen. In einer umfassenden Dissertationsarbeit von Karl Blessinger 05 über den Musiker <Sebastian Anton Scherer> (1913) wird kein J.H. Weissenburg erwähnt.  Auch ist er an der Lateinschule von Ulm, in welcher Scherer Musiklehrer war, nicht eingeschrieben 06.

Albicastros Name taucht erstmals am 12. April 1686 in Leyden, NL, auf. An der Universität ist ein Joh. Hendrik Weyßenbergh als Musicus Academiae eingeschrieben , der mit unserm gesuchten Weissenburg zweifellos identisch ist. Dazu ist vermerkt, dass er 25 Jahre alt <out 25 Jaaren> und ein Wiener <Viennensis> sei 07, 08  (Abbildung 1).

 

 

Abbildung 1. Einschreibung des Albicastros ander Universität Leyden, unter den Namen Joh. Hendrik Weyßenbergh, 12. April 1686.

 

Wie bereits erwähnt, scheinen ihn handfeste Gründe zu veranlassen, seine wahre Herkunft zu verleugnen.  Wenn auch eine Geburt in Wien ausgeschlossen erscheint, so gibt es gewisse Hinweise – wenn auch keinerlei Beweise - , dass er sich vor der Leidener Zeit zu Studienzwecken  dort aufgehalten haben könnte:

Hofkapellmeister am Hof Leopold I war ab 1671 der Wiener Musiker (Geiger | Komponist) Joh. Heinrich Schmelzer (van Ehrenruf), der als erster einer Sonatensammlung den Namen „Sacro-profanus Concentus Musicus“ (1662) gab 09. Er fand einen „Nachahmungstäter“ in Heinrich Ignaz Franz Biber, hervorragender Geigenvirtuose und Kapellmeister am fürstbischöflichen Hof in Salzburg, der ein „Fidicinium sacroprofanum“ (1682) komponierte 10.  Albicastro musste diese Werke, die in Nürnberg erschienen sind, oder eben die Künstler persönlich gekannt haben, denn er schrieb später einen „Giardino armonico sacro-profano“ (1696), eine Sammlung von Kirchen- und Kammersonaten). Diese drei „sacro-profanen“ Werke sind die einzigen der gesamten Musikliteratur mit dieser Bezeichnung 04 (Abbildung 2; Kapitel 8). Es wäre deshalb gut möglich, dass J.H.W. an einer der drei italienischen Akademien in Wien studiert hat, von denen wir aber keine Schülerlisten mehr besitzen.  An der Universität Wien war er nicht immatrikuliert 11. Ob er auf seinem Hin- oder Rückweg auch noch in Salzburg bei Biber und/oder in Ulm bei Scherer einen Zwischenhalt einlegte, darüber kann nur spekuliert werden.

 

 

 

Abbildung 2. Titelseiten von Sacro-profanus Concentus Musicus von Johann Heinrich Schmelzer (1662),

Fidicinium Sacro-profanum von Heinrich Biber (1682), und Il giardino armonico sacro-profanum von Albicastro (1695).

 

Die Vermutung, dass Albicastro tatsächlich in Wien war, wird auch durch die Überlegung bestärkt, dass er sich eine solche Angabe ohne Kenntnisse der Stadt schwerlich hätte leisten können. Er wäre sonst schon bei der ersten Begegnung mit einem Kenner Wiens des Schwindels überführt gewesen. Es ist anzunehmen, dass Wien, 3 Jahre nach dem grossen Türkeneinfall, damals noch ein geläufiges Thema war, besonders auch beim Lehrkörper einer Universität. Grundsätzlich gleiche Bedenken, wenn auch von geringerem Gewicht, gelten für Bieswang/Pappenheim und Schloss Neuburg/Neunburg.  Diese Ortschaften liegen an oder unweit der Donauroute Wien – Passau − Regensburg – Rheinland, während Ulm – München – Salzburg sich für die Gegenrichtung empfohlen hätte.

Die erwähnte Anstellung als Musicus Academiae an der Universität Leyden würde bedeuten, dass er für die musikalischen Einlagen bei akademischen Zeremonien verantwortlich war, z.B. bei Auftritten des Rektors oder Empfängen auswärtiger Honoratioren. Daneben gab er wohl auch akademischen Musikunterricht und vielleicht hatte er ein Studentenorchester  zu leiten 04 Dieses Amt gibt er schon 1690/91 aus unbekannten Gründen wieder auf 03.

Jedenfalls hat J. H. W. seine Heimat schon früh verlassen und ist - mit oder ohne Umweg über Wien und/oder Ulm - in die Niederlande übersiedelt. Sein erstes partiell erhaltenes Werk (op. 3) erscheint zwar in Brügge (Belgien) unter dem Namen Gio Enrico Weissenburg bei Francesco van Heurck 1696, danach alle weiteren zwischen 1701 und 1706 bei Estienne Roger in Amsterdam, dem gleichen Verleger, der dann auch die Werke von Arcangelo Corelli und Antonio Vivaldi ediert. 

In der Zeit um 1700/1701 tritt Weissenburg im Alter von 40 Jahren als Kavallerist in die Armee ein. Offensichtlich hatte er die Kunst des Reitens schon in seiner Jugend erlernt. Ab diesem Zeitpunkt legt er sich als Komponist den „Künstlernamen“ <Henrici Albicastro> zu. Er zieht damit eine Trennlinie zwischen Beruf bzw. Militär und Kunst. Die folgenden fünf Opera signiert er mit dem Zusatz „Cavaliero“, was offensichtlich auf seine militärische Stellung hinweist. (Dass es korrekterweise „Cavaliere“ heissen sollte, sei nur am Rande vermerkt. Wie bereits angetönt, sind Weissenburgs Italienischkenntnisse als bescheiden einzustufen).

Dieser Bruch in seiner Lebenslinie ist auffallend. Ausgerechnet zu Beginn seiner intensivsten kompositorischen Schaffensperiode tauscht er den Geigenbogen gegen den Degen ein. Sein gesamtes Hauptwerk veröffentlicht er in den Jahren 1701-1706, den ersten Jahren seiner militärischen Ausbildung und aktiven Kriegsdienstzeit im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713) 12. Reichten ihm zu dieser kreativen Grosstat (über 100 breit angelegte Sonaten!) die Urlaubswochen im Winter?  Stand er in einer submanischen Schaffensphase?  Nachdem in den Jahren zuvor fast nichts aus seiner Feder floss, kann man sich des Gedankens an den Anflug einer bipolaren Veranlagung nicht erwehren.  Es ist allerdings auch denkbar, dass er schon in den Jahren vor der Jahrhundertwende an diesem grossen Sonatenwerk arbeitete.

1705 wird er zum Kapitänsleutnant befördert. Er nennt sich jetzt <van Weissenburg>, was nicht einer Erhebung in den Adelsstand gleich kommt, sondern eher die Herkunftsbezeichnung verdeutlicht. 

Im gleichen Jahr, am 21. September 1705 heiratet er in der katholischen Kirche von Ballegoye (Brabant).. Seine Braut, Cornelia Maria Coeberg, ist die Tochter einer einflussreichen und wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Grave, einer kleinen, aber strategisch bedeutenden Festungs- und Garnisonstadt an der Maas (Abbildung 3).

 

 

 

 

Abbildung 3. Grave, 1602, 1649 und im 18. Jahrhundert.

 

 Dieser Ehe entsprangen vier  Kinder.(s. Stammtafel 3 ), wobei wir nur vom letzten (Everdina Alexandrina) den Taufbucheintrag kennen; es wurde 1713 in Grave geboren. Das frühere Taufbuch fehlt. Der älteste Sohn Gerhard Alexander starb unverheiratet 1728, ca. 22-jährig. Das zweite Kind, Johanna Allegonda, heiratet einen Petrus Joh. Hengst, aus deren Ehe zahlreiche Nachkommen entspringen. Ein direkter Nachkomme in 7. Generation (Koautor Joost Hengst)  lebt noch heute in Holland.  Das dritte Kind, Johannes Michiel, besuchte wie der ältere Bruder Gerhard die Lateinschule der Karmeliter in Boxmeer und hat später ebenfalls militärische Karriere gemacht. Seine Spuren verlieren sich aber in der Generation seiner Grosskinder.  Die letzte Tochter Albicastro’s tritt als Krankenschwester in den Orden der Karmeliterinnen ein. 13

 1708, am 4. Oktober, wird er zum Rittmeister befördert und vereidigt 14. Seine Unterschrift zu diesem Akt ist erhalten (Abbildung 4). Statt eines Orchesters dirigiert er jetzt ein Kavallerie-Schwadron, d.h. 50 Dragoner mit ihren Pferden.  Ab diesem Datum erscheint sein Name samt jeweiliger militärischer Einteilung jährlich in den Offiziersregistern des Heeres. Höchstwahrscheinlich nahm er im Sommer zuvor [1708] im Regiment von Collonel Chanclos an der für die Holländer siegreichen Schlacht von Audenarde (Belgien) teil.

 

 

Abbildung 4. Unterschrift J. H. van Weissenburg im Kommissionsbuch (Eidbuch) des holländischen Armees, 1708.

 

Ende 1709 kauft er ein Haus an der Klinkerstraat in Grave, vis-à-vis dem Haus seiner Schwiegereltern.  Die Familie Weissenburg lebt jetzt in einem eigenen Heim, nachdem sie mit ihren ersten zwei Kindern bis anhin wahrscheinlich bei den Schwiegereltern wohnten. 1716 kommt noch ein kleines, angebautes Nachbarhaus dazu 15.

 Zum Hinschied seiner ersten Gattin Cornelia Coeberg fehlt jeder Hinweis. Im Januar 1722 heiratet der 61-jährige Wittwer van Weissenburg ein zweites Mal: Petronella Baronesse Rhoe de Opzinnigh 16. Diesem Familiennamen sind wir bereits bei den Weissenburg’s in Aachen begegnet.  Diese Ehe mit einer adeligen Dame blieb kinderlos.

1725 erwarb er ein weiteres Objekt am Brugpoort , eine Stallung für Pferde und Kutsche 15. Ihr Leben bewegte sich offensichtlich auf einem sozialen Niveau, welches die finanziellen Kapazitäten eines Rittmeisters überstieg, was in die bereits erwähnte hohe Verschuldung führte.

 Offensichtlich bleibt er bis zu seinem Tod mit knapp 70 Jahren als Offizier aktiv. Aus dem Jahr 1728 liegt ein Ratsprotokoll aus Grave vor 17:  Ein Arzt aus Nimwegen, Petrus van Suchtelen,  bestätigt vor den Schöffen der Stadt, dass Rittmeister van Weijssenburgh durch Beinoedeme, Fieber, Arthritis und Asthma „incommodiert“ sei, weshalb er nicht zum Regiment einrücken könne.

Zum Tod von <Joannes Henricus van Weijssenborgh, dit d’Albi Castro> – wie er sich in den späteren Lebensjahren selber nannte – gibt es weder kirchliche noch staatliche Akten. Lediglich in einem Gesuch der Hinterlassenen um eine Benefice-Inventur an den Rat von Brabant wird erwähnt, dass er im Februar 1730 gestorben sei 18 (Raad van Brabant).

 Im Mai/Juni 1730 findet die Inventur statt. Es werden in insgesamt 300 Posten die drei Häuser und der gesamte Hausrat aufgelistet und bewertet. Dieses sehr umfangreiche, hochwertige Inventar lässt auf einen gehobenen Lebensstandard schliessen (z.B. 16 gepolsterte Stühle [Nussbaum], reichliches Tafelsilber, 22 grosse Tischtücher mit 80 Servietten, kostbarer Schmuck etc). Ein im Inventar aufgeführtes Portrait des <Rittmeisters zu Pferd> ist leider nicht erhalten. An seine musikalische Vergangenheit erinnern nur noch zwei, nicht sehr hochwertig eingeschätzte Violinen und „eine kleine Kiste mit Musikbüchern“. 19

Im Juli 1730 werden die drei Häuser versteigert. 1732 tilgen die Witwe und die Kinder aus erster Ehe den grossen Schuldenberg von rund 10'000 Gulden.

 Mit seinen drei Urenkeln Joh. Michael *1776, Petrus *1778, Adrianus Henricus *1779  (Stammtafel 3) verliert sich die Spur der männlichen Linie. Vermutlich sind sie ausgewandert. Heute gibt es in Holland keine Weissenburg mehr; nur der Name Wissenburg (-burgh) erscheint noch in den Bürgerregistern.  Diese Namensträger scheinen  zwei verschiedenen Sippen anzugehören, die beide nicht Nachfahren Albicastro’s sind 20, 21

Der obgenannte Bruch in seiner Lebenslinie – der Wechsel vom Musiker zum Soldaten (im bereits vorgerückten Alter von 40 Jahren !)  – wirft Fragen auf: Waren es „nur“ finanzielle Probleme, oder sind es Gründe, die tiefer wurzeln? Wenn wir sein Charakterprofil  - wie es aus der graphologischen Studie (s.u.) zu Tage tritt – betrachten, so erscheint es uns wohl möglich, dass  diese selbstbewusste, scharfkantige und ehrgeizige Persönlichkeit in der künstlerischen Kreativität vielleicht nicht die erstrebte Befriedigung seiner ambitiösen Träume fand. So mag er sich robustere Wege gesucht haben um den beherrschenden Platz auf dem Feldherrenhügel zu erreichen.  Möglicherweise war er dazu durch seine familiäre Herkunft geprägt, jedenfalls durch seine Persönlichkeit zum Offizier schon beinahe prädestiniert. Ausserdem wurden damals, zu Beginn des Erbfolgekrieges, intensiv Truppen bzw. Wehrmänner angeworben 22.

Trotz allem bleibt auffallend, dass er diesen Wechsel mitten in der musikalisch kreativsten Phase seines Lebens vollzieht. Ausgerechnet in jenem Zeitpunkt, da er mit der Veröffentlichung seines Schaffens die künstlerische Ernte einfahren kann, da die Sonne seines Ruhmes aufzugehen verspricht, gibt er den Beruf des Musikers auf.

 

 

 

 

 

Zur Persönlichkeit  :  Versuch einer grapho-psychologischen Analyse
von Dr.phil. R. Knüsel und einer Gruppe weiterer professioneller Graphologen.

 

Die wenigen bekannten Fakten aus Albicastro’s Lebenslauf reichen nicht aus, um sich ein abgerundetes Bild von seiner Persönlichkeit zu machen. Es wurde deshalb versucht, durch eine graphologische Beurteilung diesem Ziel etwas näher zu kommen. Leider liegen an handschriftlichen Zeugnissen ausschliesslich drei Unterschriften vor; diese haben den Namens­zug H.J. Van Weissenburg. Alle Unterschriften stammen aus Albi­castro’s Militärzeit: eine erste von 1708 anlässlich seiner Vereidigung als Rittmeister (Abbildung 4, oben) und eine zweite von 1714 anlässlich einer amtlichen Beauftragung und 1722, wo er als Zeuge in einer Streitsache unterschreibt. Weitere handgeschriebene Dokumente existieren leider nicht.

 Wohl wissend, dass dies für eine für eine schriftpsychologische Analyse üblicherweise nicht ausrei­chen würde, haben wir Herrn Dr. R. Knüsel von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW um eine grapho­logische Beurteilung gebeten. Nach einer ersten Beurteilung durch diesen Experten wurde die Schrift anlässlich eines Seminarkurses 25 weiteren professionellen Graphologen vorgelegt und diskutiert.

Zusammenfassend ergab sich daraus folgende Beurteilung: 

 

Für das Verfassen einer graphologischen Analyse ist im Normalfall das Vorhandensein einer Unter­schrift ledig­lich eine willkommene Ergänzung zum handschriftlichen Text. Dabei gilt als Faustregel, dass die Textschrift zeigt, wie der oder die Schreibende ist, während die Unterschrift einen Hinweis auf Idealvorstellungen geben kann, also unter Umständen zeigt, wie jemand sein möchte. Dies, falls sich die Unterschrift von der Schrift unterscheidet, was sich im vorliegenden Fall aus den genannten Gründen nicht beurteilen lässt. 

Eine Eigenschaft aller drei Unterschriften ist die gute Leser­lichkeit. Diese wird in erster Linie durch relativ deutlich geformte, teils einzeln abgesetzte Buchstaben erreicht, in zweiter Linie durch die Grösse der Schrift. In der Unter­schrift von 1706 sind die Vorna­mensinitialen J und H sowie das Van von ‚Van Weissenburg’ mit besonderer Deutlichkeit ausgeführt, während diese drei Teile später in eine Sig­natur zusammengezogen worden sind, wobei die Leserlich­keit abnimmt. Unverändert geblieben ist indessen die Leserlichkeit des Namenszuges Weissenburg. Während man bereits die Unterschrift von 1706 als relativ gross bezeichnen kann, ist diese Eigen­schaft 1722 sogar überdeutlich geworden; die dritte Unterschrift ist ausgespro­chen gross.

Die deutlichen Initialen und die allgemein sehr gute Leserlichkeit der Unterschrift von 1706 sprechen für das Bedürfnis, ein klares Zeichen zu setzen, eine Rolle einzunehmen und diese zur Geltung bringen zu wollen. Er scheut nicht den nötigen Aufwand, wenn es darum geht, sich zu behaupten und eigenständiges Profil unter Beweis zu stellen. Das ist Ausdruck von Selbstsicherheit, wobei das betonte Selbstbewusstsein auch verspannte Anteile hat. Dies wohl deshalb, weil unter Anderem auch aus Schutz vor Verletzlichkeit Zuflucht zur demonstrativen Stärke genommen wird. Seine Vorstellung von Autonomie hat auch den Stel­lenwert eines ihm vorschwebenden Ideals, welches eine Rolle impliziert, zu der er sich aus eigenen Stücken verpflichtet sieht.

Es herrscht eine gewisse Ambivalenz zwischen Sensibilität und Aggressivität, zwischen feiner Reagibilität und Sperrigkeit, was auf eine schizothyme Persönlichkeit hindeutet.

Van Weissenburg präsen­tiert sich als Persönlichkeit, die den Ton angeben und deshalb nach aussen hin eher Härte als Sensibilität vertreten will.

Es ist ausgeprägter Wille und viel Kraft da; er ziert sich nicht und kann streng und kompromisslos sein, es gibt aber auch Momente der Verunsicherbarkeit.

Albicastro Weisssenburg lässt sich somit nur bedingt von lockerer und natürlicher Spontaneität leiten, mit der er gewissermassen mit sich selbst, beziehungsweise der momentanen Eingebung und jeweili­gen Situation im Einklang wäre.

Andererseits dürften ihm auch cholerische Züge nicht fremd sein, was bedeutet, dass dennoch ein gewisses Mass an spontan–impulsiver Reaktionsbereitschaft da ist, was ihm einen entsprechenden Kontrollaufwand abfordert.

Es ist ein ihm angenehmer Gedanke, dem Geschehen durch seine Anwesenheit und seine Kompetenz den Stem­pel aufzudrücken; er möchte den dazu notwendigen Spielraum zur Verfügung zu haben, um der gebührenden Achtung sicher zu sein. Darin ist Hartnäckigkeit eingeschlossen und das Bedürfnis, eigenen Schlussfolgerungen oder per­sönlichen Ansichten Nachdruck zu verleihen.

Er scheut sich dabei nicht, auch mal unbequem zu sein und aufzufallen, wobei aber nicht Opposition im Vordergrund steht, sondern Ehrgeiz in Form des Wunsches, zu reussieren, und nicht zuletzt auch durch Unverwechselbarkeit erfolgreich zu sein.

Er will Recht und Plausibilität auf seiner Seite wissen, was in Anbetracht der Deutlichkeit etwas Unübersehbares hat und damit auch etwas Eitles und Plakatäres. Es haftet Albicastro/van Weissenburg etwas von einem Emporkömmling an, vielleicht auch von einem Aussenseiter, der sich in der angesehenen Gesellschaft behaupten will und Führungsanspruch hat. Dabei weisen der Realitätsbezug und die Selbstbehauptung ein egozentrisches Moment auf, was sich auf die Sozialkompetenz ausgewirkt haben mag. 

Wie bereits erwähnt, kann die Unterschrift in einem Schriftstück den Stellenwert des Selbstideals haben, allen­falls – im Kontrast zur Textschrift – überhöhten Selbstideals.

In Anbetracht des bei den vorliegenden Unterschriften erbrachten verhältnismässig grossen Schreibauf­wandes können wir vermuten, dass die - leider nicht auffindbare - Text­schrift unauffälliger war. Angenommen, diese nicht überprüfbare Hypothese sei zutref­fend, würde dies noch unterstrei­chen, dass Selbstbehauptung und ehrgeizige Zielsetzungen für Van Weissenburg einen wichtigen Stellenwert hatten.

In dieselbe Richtung weist die nochmals deutliche zunehmende Grösse der Unterschrift von 1722. Wie erwähnt beginnt diese Unterschrift mit zu einer gestalteten Einheit zusammen­gezogenen Majuskeln. Damit setzt Van Weissenburg einen eigenständigen, an werbewirk­same Logo’s anlehnenden Akzent.

Eine Persönlichkeit, die entweder ihrer eigenen Bedeutung bewusst ist und das Licht nicht unter den Scheffel stellt oder aber ein gesteigertes Geltungsbedürfnis hat. Denkbar ist auch eine Kombination beider Eigenschaften.

Eine mögliche Fehlerquelle bei der Deutung der vorliegenden Schriftgrösse ist die Unkenntnis bezüg­lich der Sehkraft. Nimmt diese im Alter ab, kann es zu einer Vergrösser­ung der Schrift führen, was einen nicht persön­lichkeitsrelevanten Faktor darstellen würde.

Der Einfluss dieses Faktors sollte bei Van Weissenburg nicht ganz ausgeschlossen werden. Eher dage­gen spricht, dass unter diesen Umständen meistens vorhandene Begleitmerkmale wie unsichere Strich­führung oder Strichentgleisungen (Tremor und Ataxie) nicht auszuma­chen sind.

Bei aller Vorsicht bezüglich einer schriftpsychologischen Interpretation, in Anbetracht der Spärlichkeit der gra­phischen Spuren Van Weissenburgs, welche unsere Zeit erreicht, spre­chen die Unter­schriften für eine Per­sönlichkeit, die ihre gesellschaftliche Rolle auf selbstbewusste, manchmal auch unzimperliche, oder eigenwillige und zugleich kontrolliert gesetzte Art und Weise wahrnahm.                                                                          rk


 

Kommentare und Quellen

01. Rudolf Rasch : Albicastro Henricus. in : The New Grove Dictionary of Music and Musicians 2001

02.  Sebastian Anton Scherer  (1631-1712) war komponierender Münsterorganist und Musikdirektor des <Collegium musicum> in Ulm.  Schrieb vorwiegend Orgel- und geistliche Chormusik, aber auch Sonaten für Streicher. Auch er pflegt einen „italienischen“ Stil, orientiert sich in seinem Orgelwerk an G. Frescobaldi;  ziert sich als Komponist mit latinisierten Vornamen ( a Sebastiano Antonio Sch.) und braucht den Genitiv als Autor:  Sebastiani Antonii Schereri: Operum musicorum secundum . . . In einer Biografie von Karl Blessinger (1913) über den Musiker Seb. Scherer steht jedoch nichts von einer Beziehung zu Heinrich Weissenburg. Etwa ab dem Alter von 50 Jahren ist seine schöpferisch aktive Zeit vorbei.  Die in dieser Phase entstandenen Triosonaten für Streicher sollen nur noch „ein schwacher Abglanz seiner frühen Werke für Orgel und Chor“ sein  05 .

03. Etienne Darbellay : Giovanni Henrico Albicastro alias Heinrich Weissenburg: un compositeur Suisse au tournant des XVIIe et XVIIIe siècle. Schweizerische Musikzeitung 1976 ; 16 : 1-11

04. Staatsarchiv Brüssel, Conseil privé, „liasse“ 1070

05. Karl Blessinger: Studien zur Ulmer Musikgeschichte im 17. Jahrhundert  insbesondere über Leben und Werke  Sebastian Anton Scherers. in Zeitschrift „Ulm und Oberschwaben“ 1913; 19: 1-79

06.  Stadtarchiv Ulm, Gudrun Litz

07. Universitätsarchiv Leiden. Vermittlung Prof. Rudolf Rasch, Universität Utrecht NL.

08  Seine Einschreibung in Leyden lautet (in der Handschrift eines Universitätskanzlers): Joh: Hendrik Weyßenbergh  Viennensis, musicus Academiae, out 25 Jaaren by Jacobus de Graaf Bakker op de Koepoortsgracht. ( J.H.W.  Wiener … alt 25 Jahre [wohnt] bei Jakob Graaf, Bäcker auf der Kuhtorgracht [Gracht am Stadttor für den Viehmarkt]). Siehe Abbildung 1.

09. Joannes Henrico Schmelzer : Sacro-profanus Concentus Musicus fidium  aliorumque instrumentorum, Noribergae 1662

10.  Henricus J.F. Biber: Fidicinium sacro-profanum, tam Choro, tam Foro pluribus fidibus concinnatum & concini aptum. Bibliopol. Norimbergensis  (ohne Jahrzahl)

11.   Archiv der Universität Wien, Thomas Maisel

12.  .     In diesem Krieg waren auch Schweizer Söldner aus Bern (incl. Waadt und Aargau), Neuchâtel, Schaffhausen und Appenzell AR in mehr als Regimentsstärke beteiligt, angeführt von den Obersten A. von Mülinen, N. Tscharner, G. May von Hüningen, J.F. von Goumoëns,  H.R Baron von Erlach und weiteren 13 namentlich genannten Oberstleutnants und Majoren aus dem Berner Patriziat. Sie waren in Breda, in der Nähe von Grave stationiert. 23. Es wird vermerkt, dass unter diesen Soldaten auch einige Katholiken waren (wahrscheinlich aus dem Aargau). Söldner aus den katholischen Regionen Luzern, Freiburg, Solothurn und Zentralschweiz kämpften hingegen auf der französischen Seite. Es ist denkbar, dass Rittmeister van Weissenburg auf Grund seiner hochdeutschen bzw. alemannischen Muttersprache mit diesen Schweizern zu tun hatte. Da damals im ganzen Norden Deutschlands (und Holland) Niederdeutsch gesprochen wurde, wäre eine Verständigung mit Schweizern schwierig gewesen. Damit wäre allenfalls erklärt, weshalb es zur irrigen Annahme kam, Albicastro sei ein Schweizer.  Eine mögliche Verbindung: die zweite Frau Weyssenburgs’s heiratet nach dessen Tod einen Leutnant Beem, der im Dragoner-Regiment von Kolonel Baron J. Alexandrus de Matha Dienst leistet (Stammtafel 3), in dessen Regiment auch Schweizer Truppen waren.23  Es wäre naheliegend, dass Albicastro  zu diesen Offizieren Verbindungen pflegte.

13. Mitteilungen betr. Nachkommen von J. Sluyters, emer. Stadtarchivar Grave, Nachkomme aus der Familie Coeberg, Schwiegereltern von Albicastro und J. Hengst, Nackomme von Allegonda Hengst-Weissenburg.

14. Nationalarchiv Den Haag, Staatsratarchiv no. 1735.

15 .Jan Sluyters, pers. Mitteilungen auf Grund von Akten aus dem Stadtarchiv Grave.

16. Grave, Heiratsregister

17.  Schepenprotocol Grave van diverse akten 1727-29; 6.4.1728. http://www.bhic.nl/index.php?id=11886

18. Raad van Brabant inv. Nr. 225 2.5.1730 (Transscription J. Hengst)

19. Staatsinventur von Johan Hendrick van Weissenburg. Grave, 9/17 Juni 1730

20. Marcel Wissenburg, pers. Mitteilung

21. Die heute in Holland lebenden Wissenburg (43 Telefonanschlüsse) gehören zwei verschiedenen Sippen an; eine grössere, die von Marcel. Wissenburg als eigene Familie sehr gründlich erforscht wurde, und eine zweite, die aus „Holland“, dem Westen der Niederlande stammt, deren Name sich von einem Haus  <Wassenburg> herleiten dürfte. Die erstgenannte Familie geht auf  Peter Wissenburg te Elden 1716 - ~1770 zurück, dessen Herkunft nicht eindeutig gesichert ist;  im reformierten Heiratsbuch von Elden ist er  als <Peter van Wejssenburgh aus der Grafschaft Moers> eingetragen 20. 

22. Nora Gaedecke, Dr.phil. Historikerin, Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek, Hannover

23. Das Schweizer Infanterie-Regiment 693c in holländischen Diensten. http://www.milwiki.nl/dutchregiments/pmiwiki.php?n=RepInf.IR693c